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Obwohl seit über 1500 Jahren einer der volkstümlichsten Heiligen, hat gerade die Volksfrömmigkeit die Gestalt Martins derart mit Legenden umrankt, dass die geschichtliche Wahrheit nur schwer freizulegen ist. Das Dämmerlicht des zusammenbrechenden Römischen Reiches und der Völkerwanderungszeit förderte die Mythenbildung. Martin hat ausserdem kein schriftliches Dokument hinterlassen. Sein zeitgenössischer Biograph Sulpicius Severus stellt ihm jedoch glaubhaft das Zeugnis der Christusförmigkeit aus:  „Martin zeigte in seiner Person Christus.“ Für Christen aller Zeiten ist nicht ein fiktives Menschenbild das Mass aller Dinge, sondern Jesus Christus. Nicht Selbstverwirklichung, sondern Christusverwirklichung ist die Aufgabe des Christen.


Martin wurde wahrscheinlich 316 oder 317 in Sabaria im heutigen Ungarn als Sohn eines heidnischen römischen Offiziers geboren. Mit dem Namen Martinus, was so viel wie „der dem Kriegsgott Mars Geweihte“ bedeutet, bekundete der Vater, dass er für seinen Sohn eine militärische Karriere vorsah. Martin wurde in eine Zeit des Umbruchs hineingeboren. Das antike Heidentum lag in seinen letzten Zügen. Zusammen mit Licinius, seinem Mitregenten, hatte Konstantin 313 das Edikt von Mailand erlassen, das den Christen im Römischen Reich die freie Religionsausübung gestattete und die alte römische Staatsreligion abschaffte. Als privilegierte Religion entwickelte sich das Christentum jetzt zu einer Massenreligion. Viele Menschen schlossen sich aus bloss äusserlichen Gründen dem Christentum an, ohne von dessen innerem Gehalt auch nur berührt zu sein. Das Römische Reich selbst zeigte unter dem Ansturm wilder germanischer Stämme und angesichts unfähiger Kaiser bedenkliche Zerfallserscheinungen.

Dieser zwielichtigen Zeit sollte Martin Richtung und Halt geben. Leopold von Ranke, der Begründer der modernen Geschichtswissenschaft, meinte, Gott sei jedem Zeitalter gleich - wenn auch nicht in gleicher Weise - nahe. Martin wetterte nie gegen die böse Zeit, in der er lebte. Er betrachtete sie als Wirkungs- und Bewährungsfeld, das Gott ihm zugedacht hatte, als seinen Kairos, als seine Gnadenzeit. Martin wollte keine Kirche, die in Mauern, Gettos und katholischen Milieus ihre Unfehlbarkeit einschloss. Seine Kirche mischte sich ein, gestaltete die Zeit mit allen positiven Kräften, die auch in ihr wirkten, mit.


Martin wurde in Pavia, der Heimatstadt seines Vaters, erzogen. Mit zwölf Jahren flüchtete er sich in die Kirche und verlangte gegen den Willen der Eltern, unter die Taufbewerber aufgenommen zu werden. Mit fünfzehn Jahren musste er auf Wunsch des Vaters in den Soldatendienst einer römischen Reiterabteilung in Gallien eintreten. Vom eigenen Vater gefesselt, wurde er zum Fahneneid gezwungen. Martin muss ein kräftiger und gesunder junger Mann gewesen sein, denn er wurde der kaiserlichen Garde zugewiesen, einer aus fünfhundert Mann bestehenden Elitetruppe. Im Jahr 334 kam es zu jener berühmten Szene, die Martin zum Symbol christlicher Wohltätigkeit machte. Als Kavallerist hoch zu Ross begegnete Martin am Stadttor von Amiens einem frierenden Bettler. Ihm schenkte er, weil sein Geldbeutel leer war, die mit dem Schwert geteilte Hälfte seines Mantels. In der folgenden Nacht hatte Martin eine Christus-Vision. Sie enthüllte ihm den tieferen Sinn der Begebenheit. Zu seinem grossen Erstaunen sah er Christus mit jenem Mantel bekleidet, den er dem Bettler geschenkt hatte. Der noch nicht getaufte Martin erkannte, dass die Nächstenliebe und das soziale Engagement zum Kern der christlichen Botschaft gehörten: “Was ihr für einen meiner geringsten Brüder oder für eine meiner geringsten Schwestern getan habt, das habt ihr für mich getan“ (Mt 25, 40). Die Mantelteilung stand am Anfang von Martins christlicher Laufbahn. Damit war auch seine lange Katechumenenzeit beendet. An Ostern 334 empfing er das Sakrament der Taufe. Über ein halbes Jahrtausend vor Franz von Assisi zog Martin in franziskanischer Radikalität die Konsequenz aus der Traum-Vision. Nach wie vor ist das Teilen einer der Schlüssel zur Bewältigung der weltweiten Armutsprobleme.


Zunächst diente Martin weiter im römischen Heer. Er sehnte sich aber danach, den Dienst im Militär beenden zu können. Vermutlich wird sein Dienst in der Garde 25 Jahre gedauert haben. Er hatte jedoch das Glück, kein Blut vergiessen zu müssen, sondern im Bereich der öffentlichen Ordnung eingesetzt zu werden. Das Ende von Martins Militärkarriere verlief nicht ohne Dramatik. Kaiser Julian, der unter dem Namen „der Abtrünnige“ in die Geschichte eingegangen ist, zog bei der späteren Stadt Worms ein Heer gegen die das Römische Reich bedrängenden Germanen zusammen. Er liess Geschenke unter die Soldaten verteilen und hoffte, sie dadurch kampfesfreudiger zu stimmen. Jeder Soldat musste vortreten und sein Geschenk aus der Hand des Kaisers entgegennehmen. Martin fand, die Annahme des Geschenks schliesse die Verpflichtung zum Kampf in sich. Er verweigerte die Annahme der Gabe, obwohl ihm eine glänzende militärische Karriere bevorstand. Als die Reihe an ihn kam, trat er entschlossen vor den Kaiser und sprach mit fester Stimme: „Bis heute habe ich dir gedient; gestatte nun, dass ich jetzt Gott diene. Dein Geschenk mag in Empfang nehmen, wer in die Schlacht ziehen will. Ich bin ein Soldat Christi, es ist mir nicht erlaubt zu kämpfen.“ Kaiser Julian wurde wütend über die offene Weigerung Martins und bezichtigte ihn der Feigheit. Der unerschrockene Martin antwortete dem Kaiser ruhig: „Will man meinen Entschluss der Feigheit und nicht der Glaubenstreue zuschreiben, dann bin ich bereit, mich morgen ohne Waffen vor die Schlachtreihe zu stellen.“ Martin musste bis zum nächsten Morgen im Gefängnis zubringen. Am folgenden Tag baten die Feinde um Frieden und zogen sich zurück. Martin durfte den Heeresdienst verlassen.

Ebenso wenig wie Jesus war Martin ein doktrinärer Pazifist. Wie sein Meister hat Martin für die Gerechtigkeit gekämpft. Im Lauf der Kirchengeschichte hat das Christentum aber allzu oft auf die Gewalt gesetzt und den Weg der frühchristlichen Gewaltlosigkeit verlassen. Martin bleibt ein Mahner, dass scheinbar unauflösbare Spannungen nicht leichtfertig durch einen bewaffneten Konflikt gelöst werden dürfen.


Nachdem Martin den Militärdienst verlassen hatte, suchte er nach seiner künftigen Berufung. Die geistige Situation seiner Zeit machte ihm diese Aufgabe nicht leicht. Tiefe Risse trennten die Christenheit. Die Ostkirche löste sich von der Westkirche. In der Westkirche tobten heftige Kämpfe zwischen den Arianern, die Christus die wahre Gottheit absprachen, und ihren Gegnern. Anderseits ging das vierte Jahrhundert in die Kirchengeschichte ein als das Goldene Zeitalter der Kirchenväter. In kaum einem andern Jahrhundert zählte die Kirche so viele intelligente Köpfe und so viele heiligmässige Gestalten. Zwölf der dreiunddreissig Kirchenlehrer sind im vierten Jahrhundert geboren worden. Einer von ihnen, Hilarius von Poitiers, wurde zu Martins Seelenführer und Lehrer. Hilarius bestärkte Martin in der Einsicht, dass Einsamkeit und Stille wesentlich zum christlichen Menschsein gehören. In Ligugé in der Nähe von Poitiers errichtete Martin 361 eine Einsiedlerzelle, aus der sich mählich ein Kloster entwickelte. Es war das erste Kloster auf gallischem Boden. Martins Gründung darf nicht mit Augustins Kloster in Hippo oder gar mit Benedikts Gründung auf dem Monte Cassino in Parallele gesetzt werden. Martin hatte den ersten Anfang gemacht. Ohne seinen Rückzug in die Stille wäre er vermutlich nicht fähig gewesen, zum Missionar Galliens zu werden.

371 musste der bischöfliche Stuhl von Tours neu besetzt werden. Da die Bischofswahl damals beim Volk lag, zogen die Menschen in Scharen nach Tours. Sie hegten den Wunsch, Martin möge zum Bischof erkoren werden. Diesem Wunsch traten einige Bischöfe entgegen. Ihre Ablehnung begründeten sie mit dem unansehnlichen Äusseren Martins und seiner armseligen Kleidung. Der Heilige war über den Vorschlag des Volkes zutiefst erschrocken. Eine alte Legende berichtet, Martin habe sich in einem Stall versteckt, um der Wahl zu entgehen, doch hätten ihn die Gänse durch ihr Geschnatter verraten. Die Kleriker waren machtlos, und Martin musste nachgeben. Er stellte jedoch die Bedingung, das Bischofsamt mit einem Leben der Stille zu verbinden. Aus seiner roh gezimmerten Zelle ausserhalb von Tours entstand das Kloster Marmoutiers. Obwohl Martin Bischof wider Willen war, nahm er sein Hirtenamt sehr ernst. Im Gegensatz zu seinen bischöflichen Zeitgenossen Ambrosius und Augustinus war Martin kein gelehrter Theologe. Er beteiligte sich nicht an theologischen Streitgesprächen. Sein ungewöhnliches Ansehen bei seinen Zeitgenossen beruht auf seinem gelebten Glauben und seinem Christentum der Tat. Zur Zeit Martins herrschte im ländlichen Gallien noch weitgehend das Heidentum. Martin wurde zum grossen Missionar Galliens. Er erkannte, dass es nicht genügte, das Christentum zu predigen, Götzenbilder und heidnische Tempel zu zertrümmern. Die kleinen christlichen Zellen, die er gründete, waren nicht bloss fromme Zirkel, sondern auch Gemeinschaften gelebter Solidarität, die einander in Situationen von Krankheit und Not beistanden. Es waren Gemeinden vergleichbar mit jenen, die Paulus im Urchristentum gegründet hatte. Gemeindeleiter waren meist Laien, und die kleinen Gemeinschaften lebten oft längere Zeit ohne Priester und Eucharistiefeier. Nicht bloss in Ländern der Dritten Welt, sondern auch im modernen nachchristlichen Europa haben die Paulus- und Martinsgemeinden wieder Modellcharakter erlangt.


Martins Lebensabend war nicht ungetrübt. Besonders die Verfolgung und Hinrichtung Andersdenkender machten ihm schwer zu schaffen. Wenige Jahre nachdem die Christenverfolgung durch Heiden aufgehört hatte, sollten zum ersten Mal in der Geschichte in Trier Christen von Christen als Ketzer hingerichtet werden.

Einige Mitbrüder hatten Priszillian, den Bischof von Avila, der Irrlehre angeklagt. Das war ihr gutes Recht, denn als Bischöfe hatten sie die Pflicht, über die Reinheit der Lehre zu wachen. Auch Martin betrachtete dies als bischöfliche Aufgabe. Priszillian hatte tatsächlich einige gnostische Elemente in die kirchliche Lehre hineingewoben. Wie andere Gnostiker vertrat er die Ansicht, dass nur die Seele ein Geschöpf Gottes sei, während der Körper vom Teufel stamme. Priszillian war eine charismatische Persönlichkeit, denn er war wie Martin vom Volk zum Bischof gewählt worden. Die Amtskollegen Priszillians begnügten sich jedoch nicht mit der Ablehnung seiner Lehre. Sie liessen ihn gefangen nehmen und verklagten ihn beim Kaiser als Ketzer und Magier. Darauf stand nach römischem Recht die Todesstrafe. Priszillian und sechs seiner Anhänger wurden nach Trier überführt. Martin wehrte sich entschieden gegen die Todesstrafe. Er begab sich 384 zu Kaiser Maximus nach Trier, weil er überzeugt war, das Schwert dürfe nicht über eine Frage der Lehre entscheiden. Geistiges müsse geistig überwunden werden, oder es zeige sich die Ohnmacht des Geistes. Im Gegensatz zu den einschmeichelnden bischöflichen Hofschranzen hatte es Martin vermieden, den in Trier residierenden Kaiser Maximus zu besuchen. Er lehnte es ab, Tischgenosse eines Mannes zu sein, der durch die Ermordung seines Vorgängers Gratian Kaiser geworden war. Auch Bischof Ambrosius von Mailand, der aus Trier stammte, hatte in dieser Frage beim Kaiser interveniert. Schliesslich versprach Maximus den beiden angesehenen Bischöfen, das Leben der Priszillianer zu schonen. Ambrosius und Martin mussten jedoch erfahren, dass der Kaiser nicht Wort gehalten hatte. Priszillian und sechs seiner Anhänger wurden zu Anfang des Jahres 385 in Trier öffentlich hingerichtet. Martin war von der Hinrichtung von Priszillian und seiner Gefährten zutiefst betroffen. Er gelobte, fortan die Gemeinschaft mit den Bischöfen zu meiden, welche die Hinrichtung Priszillians und seiner Anhänger veranlasst hatten, und deshalb auch an keiner Synode mehr teilzunehmen.

Der „Blutspruch von Trier“ steht am Anfang einer verhängnisvollen Entwicklung. Bis in die Neuzeit sollten Christen den Weg der Ketzerverfolgung nicht verlassen. Tausende von Menschen wurden Opfer von Inquisitions- und Hexenprozessen. Die Nachricht von der Hinrichtung der Priszillianer zwang Martin 386 zu einer zweiten Reise nach Trier. Er musste befürchten, dass auch seine asketisch lebenden Mönche in Gefahr waren, mit den Anhängern Priszillians in einen Topf geworfen zu werden. Noch in der Nacht eilte er zum kaiserlichen Palast. Erst als Martin versprochen hatte, mit den Bischöfen, die den Tod der Priszillianer verschuldet hatten, wieder Gemeinschaft aufzunehmen, erhielt er die Versicherung, dass auf weitere Verfolgungen verzichtet werde. Doch bis an sein Lebensende machte sich Martin Vorwürfe, dass er sein Gelöbnis gebrochen hatte. Eine Legende berichtet, dass ihm auf seiner Rückreise im Gebiet des heutigen Luxemburg ein Engel erschienen sei und zu ihm sprach: „Martin, mit Recht verurteilen dich deine Gewissensbisse; allein, es gab für dich keinen andern Ausweg. Fasse wieder Mut, werde wieder fest, sonst kommt nicht nur deine Ehre, sondern auch dein Seelenheil in Gefahr.“

Martin ist eine jener grossen Gestalten der frühen Christenheit, die beweisen, dass Toleranz nicht erst ein Gedanke der Aufklärung ist, sondern zum Wesen des christlichen Glaubens gehört. Der Christ ist fähig, mit Menschen zusammen zu leben und sie zu lieben, auch wenn er deren Überzeugung nicht teilt.


Am 8. November 387 starb Martin 80-jährig auf einer Missionsreise in Candes in der Touraine. Am 11. November wurde er in Tours zu Grabe getragen. Seine geistige Ausstrahlung war nach seinem Tod noch grösser als zu seinen Lebzeiten. Martin war der erste Nichtmärtyrer, der als Heiliger verehrt wurde. Schon sein Nachfolger als Bischof, Brictus, errichtete über seinem Grab eine Kapelle, woraus sich im Verlaufe der Jahre die grösste Basilika des Mittelalters entwickelte. Entscheidend für die Verbreitung des Martinskultes war der Merowingerkönig Chlodwig I. (466 - 511). 496 trat er zum römisch-katholischen Glauben über, während sich die meisten andern germanischen Stammesführer zum Arianismus bekannten. Das war nicht nur eine wichtige politische, sondern auch eine kulturell-religiöse Weichenstellung, denn aus dem Fränkischen Reich sollten Frankreich und Deutschland hervorgehen. Auch die Alemannen gerieten unter fränkische Herrschaft. Chlodwig erkor Martin zum Schutzherrn des riesigen Fränkischen Reiches. Zweifellos haben die irischen Wandermönche, welche die heutige Deutschschweiz missionierten, die Verehrung des heiligen Martin auch in unsere Gegend gebracht, denn viele der ältesten Kirchen sind ihm geweiht.

                                                                                             Otto Herzig